Umgangssprachlich werden Säuglinge mit scheinbar unstillbaren, dauerhaften Schreiattacken als Schreibabys bezeichnet. Sie rauben ihren Eltern den letzten Nerv und bringen sie um den Schlaf. Da liegen die Nerven schon mal blank. Laut einer Studie aus den USA leiden etwa 16% bis 29% aller Säuglinge in den ersten drei Lebensmonaten unter derartigen Schreianfällen. Wenn Eltern, Babysitter oder anderen Betreuungspersonen dann in einer Überforderungssituation ein Baby schütteln, kann es zu einem Schütteltrauma (engl. Shaken Baby Syndrome, SBS) kommen. Als Fachkraft sollten Sie die Symptome eines Schütteltraumas kennen und so auch diagnostizieren können.

Shaken baby Syndrome 3D

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Wie entsteht ein Schütteltrauma bei einem Kind?

Durch das unkontrollierte Schütteln eines Kleinkindes entstehen irreparable Schäden des Babygehirns. Das Gehirn eines Säuglings ist vergleichsweise schwer und noch sehr flüssigkeitsreich. Beim Schütteln oder ruckartigen Bewegungen verschiebt sich das Gehirn. Dadurch zerreißen Venen, die das Hirngewebe mit der Duramater verbinden. So kommt es zu Blutungen zwischen Hirnrinde und Gehirn. Zudem löst das Aufprallen des Hirns im Schädelinneren Prellungen und Quetschungen aus, was wiederum zu Ödemen führt. Die so entstehenden Schwellungen, Wassereinlagerungen und Blutungen, bewirken irreparable Zerstörungen von Zellgewebe und können sogar zum Tod des Kindes führen.

Spiegel Online erklärt, wie durch grobes Schütteln eines Kleinkindes das Gehirn irreparabel geschädigt wird.

Welche Symptome gibt es beim Schütteltrauma eines Säuglings?

Die Symptome nach einem Schütteltrauma können vielfältig sein. Neben Schreckhaftigkeit, Trinkschwäche, Schläfrigkeit, verstärktem Unwohlsein und Unruhe können die Hirnverletzungen zu Apathie, epileptischen Anfällen, Erbrechen sowie Herzrhythmusstörungen und Atemstörungen bis hin zu Atemnot und zum Tod führen. Selbst wenn es direkt nach dem Schütteln nicht zu sichtbaren Symptomen kommt, kann das Trauma zu neurologischen Langzeitschäden führen, die sich erst einige Zeit später äußern. Derartige Langzeitschäden sind Seh- und Sprachstörungen sowie Entwicklungsverzögerungen und Behinderungen. Selbst der Tod erst nach einigen Tagen, kann durch ein Schütteltrauma verursacht werden. Daher wird die Gesamtmorbidität eines Schütteltraumas bei Säuglingen auf 90 Prozent geschätzt.

Wie wird ein Schütteltrauma diagnostiziert?

Eltern, die ihr Kind nach dem Schütteln zum Arzt oder in ein Krankenhaus bringen, haben vermutlich bereits Verhaltensveränderungen, Verletzungen oder andere Erkrankungsanzeichen identifiziert, die sie vermutlich jedoch nicht auf ihr eigenes Fehlverhalten zurückführen. Im schlimmsten Falls wurde der Säugling sogar so schwer verletzt, dass es zu einer tödlichen Verletzung gekommen ist. Die Diagnose eines Schütteltraumas beim Säugling wird daher oft erst spät gestellt, da zum einen die möglichen Symptome zunächst auf andere Erkrankungen wie Infekte schließen lassen. Zum anderen wird die Diagnose dadurch erschwert, dass die Eltern keine Angaben zum vorausgegangenen Schütteln des Kindes machen. Betreuungspersonen benennen zudem häufig unklare Erklärungen zu möglichen Ursachen. Hinweise auf ein vorausgegangenes Schütteltrauma können bereits bekannte Fälle von Kindstod oder Kindesmisshandlung sowie vergangener oder bestehender Kontakt mit der Jugendhilfe bzw. dem Jugendamt in der betroffenen Familie sein. Wurde das Schütteltrauma nicht durch die Person verursacht, die mit dem Kind beim Arzt vorstellig wird, ist eine Erklärung für die Verhaltensveränderungen des Babys zumeist nicht möglich. Um so wichtiger ist es, bei der Untersuchung genau hinzuschauen. Eine genaue Diagnose kann zumeist aufgrund von vier Beobachtungen getroffen werden:

  • Blutungen (Hämatom) und Flüssigkeitsansammlungen (Hygrom) zwischen Hirnrinde und Gehirn
  • Blutungen in der Netzhaut des Auges
  • Keine Hinweise auf äußere Verletzungen und Fehlen deutlicher Erklärungen der Eltern zur möglichen Ursache
  • Sonografie von Gehirn und Rückenmark bei Verdacht auf Schütteltrauma, um Blutergüsse in diesem Bereich zu diagnostizieren

Eine Computer-Tomographie (CT) oder Magnetresonanztomographie (MRT) ermöglicht die bildliche Darstellung der Veränderungen im Gehirn. In einigen Fällen und wenn das Schütteln noch nicht allzu lange zurück liegt, sind auf der Brust oder an den Armen des Säuglings Hämatome sichtbar. Diese rühren vom Festhalten während des Schüttelns her. Weiterhin können sowohl frische, als auch alte Knochenbrüche Hinweis auf vorangegangene Misshandlungen sein und den Verdacht auf ein Schütteltrauma erhärten.

Wie wird ein Schütteltrauma des Säuglings behandelt?

Die Behandlung eines Schütteltraumas beim Baby hängt von dem jeweiligen Befund bei Vorstellung des betroffenen Säuglings bei einem Arzt oder einer Ärztin ab. Bei akuter Lebensgefahr werden lebenswichtige Funktionen stabilisiert und ein eventuell vorliegender Schock behandelt. Hirnblutungen können eventuell operativ behandelt werden. Um bei Komplikationen direkt eingreifen und behandeln zu können, wird der betroffene Säugling stationär für mindestens 24 Stunden beobachtet. Um Durchblutungsstörungen im Gehirn durch Sauerstoffmangel vorzubeugen, muss das Kind mit Sauerstoff versorgt werden. Eventuelle Verletzungen durch vorangegangene Misshandlungen müssen ebenfalls entsprechend behandelt werden. Ist das Kind sehr unruhig und nervös, können Beruhigungsmittel verabreicht werden. Langzeitschäden wie epileptische Anfälle können mit Medikamenten therapiert werden. Andere Schäden wie Entwicklungsstörungen können später nur durch gezielte Förderung zum Beispiel der Sprachentwicklung behandelt werden. Die Eltern des betroffenen Babys sollten auf jeden Fall über die Behandlung und die Untersuchungsergebnisse informiert werden. Da ein Schütteltrauma des Säuglings immer durch Gewalteinwirkung hervorgerufen wird, ist es wichtig, den Kontakt zu den Eltern im offenen Gespräch zu suchen und gegebenenfalls psychologische Hilfe hinzuzuziehen. Für das weitere Vorgehen ist relevant, ob die Eltern fähig sind, über ihr Verhalten ehrliche Auskunft zu geben. Wenn die Entstehung eines Schütteltraumas des Säuglings nicht geklärt werden kann und die Eltern des betroffenen Kindes eine Aussage verweigern, muss unbedingt die Jugendhilfe hinzugezogen werden. Eltern müssen über Ursachen und mögliche Folgen des Schütteltraumas aufgeklärt werden. Nur so ist überhaupt eine Wiederholung zu verhindern. Ein Baby zu schütteln, stellt eine Kindesmisshandlung dar, dessen müssen sich Betreuungspersonen bewusst werden. Nach einer UNICEF-Studie findet Kindesmisshandlung überwiegend in der Familie statt. Laut dieser Studie erfolgt die Misshandlung zumeist durch die biologische Mutter oder den biologischen Vater.

Wie ist die Prognose?

Bis 10 Prozent aller Kindesmisshandlungen betreffen das Gehirn, 80 Prozent davon kommen im ersten Lebensjahr vor. Schätzungen zufolge sind bis zu 80 Prozent der Todesfälle an Gehirnverletzungen bei Säuglingen auf nicht zufällige Verletzungen zurück zu führen. Somit stellen sie die häufigste Todesursache bei Säuglingen im 2. Lebenshalbjahr dar.

Aktuelle Veröffentlichungen

Screenshot welt.de: Baby zu Tode geschüttelt

welt.de: Der 27-Jährige Stiefvater soll den 13 Monate alten Tayler so heftig geschüttelt haben, dass das Kleinkind später in einem Hamburger Krankenhaus verstarb.

Ultraschall durchdringt die feinen Knorpel von Babys

In einer Studie der Universität Innsbruck wurde nachgewiesen, dass auch Blutergüsse um das Rückenmark des Babys auf ein Schütteltrauma hinweisen können. Das Team um den inzwischen pensionierte Innsbrucker Kinderradiologe Ingmar Gassner untersuchte zunächst die Gehirne betroffener Kinder mittels Ultraschall und stellte dort Blutergüsse fest. Anschließend führte er Sonographien des Rückenmarks durch und fand auch dort Blutergüsse. Bei Babys bestehen die Wirbelbögen, die den Wirbelkanal mit dem Rückenmark schützen, noch weitgehend aus Knorpeln. Ultraschallwellen können diese anderes als bei Erwachsenen noch durchdringen und Blutergüsse sichtbar machen. „Ihr gemeinsames Auftreten um Gehirn und Rückenmark kann den Verdacht eines Schütteltraumas erhärten“, berichtet Ingmar Gassner und rät Ärzten die Ultraschall-Untersuchung von Gehirn und Rückenmark bei Verdacht auf Schütteltrauma einzusetzen.

Fachgesellschaft empfiehlt Sono des Wirbelkanals bei Schütteltrauma
Montag, 12. Dezember 2011 – Hamburg

Die Deutsche Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin (DEGUM) rät Ärzten, in die Diagnostik des Schütteltraumas die Sonographie des Wirbelkanals einzubeziehen. Etwa 100 bis 200 Säuglinge sterben jährlich in Deutschland an den Folgen eines Schütteltraumas. Starkes Schütteln von Babys und Kleinkindern ist eine der häufigsten Formen von Kindesmisshandlung. Stirbt das Kind nicht, erleidet es mitunter schwerste Behinderungen. Laut der Fachgesellschaft lässt sich ein Schütteltrauma mittels Ultraschall diagnostizieren, denn die Sonographie macht die für dieses Trauma typischen subduralen Hämatome um das Gehirn sichtbar. „Schwingt der kleine Kopf durch das Schütteln stark hin und her, bilden sich schnell subdurale Hämatome“, sagt Axel Feldkamp, Leitender Oberarzt der Klinik für Kinderheilkunde und Jugendmedizin am Klinikum Duisburg und Leiter der Sektion Pädiatrie der DEGUM. Eine Studie an der Universitätsklinik Innsbruck zeige jetzt, dass auch Blutergüsse um das Rückenmark des Kindes darauf hindeuten könnten. Die Untersuchung ist in der Zeitschrift „Ultraschall in der Medizin“ erschienen. Nachdem der Autor Ingmar Gassner bei Säuglingen mittels Ultraschall Blutergüsse um das Gehirn festgestellt hatte, untersuchte er auch deren Rückenmark. Bei Säuglingen ist der Wirbelkanal einschließlich des Rückenmarks mittels Sonographie sichtbar, da die schützenden Wirbelbögen noch weitgehend aus Knorpel bestehen, den die Ultraschallwellen durchdringen. Beim Erwachsenen ist dies nicht mehr möglich. Gassner entdeckte bei allen Säuglingen Blutergüsse auch um das Rückenmark. „Ihr gemeinsames Auftreten um Gehirn und Rückenmark kann den Verdacht eines Schütteltraumas erhärten“, so seine Einschätzung. Er empfiehlt daher, bei jedem Verdacht auf ein Schütteltrauma Gehirn und Rückenmark mittels Ultraschall zu untersuchen.
Quelle: hil/aerzteblatt.de

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